Astronauten bereiten sich intensiv auf Ausnahmesituationen vor, um ihren Job im All so perfekt und sicher wie möglich machen zu können. Jeder gefundene Fehler wird belohnt und gefeiert. Was Ärzte und Apotheker vom Umgang der Crew mit Fehlern lernen können, weiß Astronauten-Coach Alexander Maria Faßbender. Der Experte gibt spannende Einblicke in die Fehlerkultur und -prävention der Luft- und Raumfahrt.

Alexander Maria Faßbender ist einer der Top-Coaches für Persönlichkeitsentwicklung, charismatischer Speaker sowie Gründer der Space Coach Academy©. Schätzungen zufolge werden zukünftig mindestens eintausend Weltraumtouristen/Astronauten pro Jahr in den Weltraum fliegen, die von ihm und seinem Team gecoacht werden.

Lilly: Irren ist menschlich – jedoch unter Umständen lebensgefährlich. Wie bereiten Sie zukünftige Weltraumtouristen auf ihren Flug und Aufenthalt im All vor?

A. M. Faßbender: Wir reden über Fehler und was jeder einzelne darunter versteht. Denn das ist individuell sehr verschieden. In Deutschland sind Fehler eine Schande, in den USA die Chance für einen Neuanfang. Schon das Wort „Fehler“ ist negativ konditioniert. Wenn Sie die Buchstaben vertauschen, kommt dabei „Helfer“ heraus. Sich vorzustellen, dass ein Fehler = ein Helfer ist, verleiht dem Wort eine neue positive Bedeutung. In der Tat sind Fehler die Helfer in der Zukunft. Deshalb ist jede Entscheidung richtig, auch wenn sie sich später als falsch herausstellt.

Lilly: Was zeichnet die Fehlerkultur auf Weltraummissionen aus?

A. M. Faßbender: Da auf diesen Missionen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenkommen, würde ich statt von „Kultur“ eher von interkultureller Kompetenz sprechen. Zur Fehlerkompetenz gehört es, Fehler nicht als schädlich und unabwendbar anzusehen.
Es geht im Weltall nicht darum, einen „Schuldigen“ zu finden, sondern den Fehler aufzuspüren und den „Entdecker“ dafür zu loben. Fehler zu finden, bedeutet viel Geld einzusparen oder auch Menschenleben zu retten. Deshalb sage ich den Astronauten immer: Es gibt keine Fehlentscheidung, solange Du Deinen Fehler korrigieren kannst. Entscheidend ist, zu erkennen, dass etwas schief läuft.

Lilly: Was können Ärzte von den Astronauten lernen? Wie lässt sich eine positive Fehlerkultur in Arztpraxen implementieren?

A. M. Faßbender: Die meisten Ärzte sind dem Prinzip „Ursache und Wirkung“ verhaftet. Das trifft auf das „System Mensch“ nach meiner Anschauung nicht zu. Im Weltraum wie in der Medizin sind fast immer eine ganze Reihe von Faktoren an Zwischenfällen beteiligt. Deshalb ist es so wichtig, möglichst viele potenzielle Risiken aufzudecken. Und zwar nicht nur diejenigen, die durch „Beinahe-Fehler“ schon bekannt sind, sondern auch Fehlerquellen, die noch nie in Erscheinung getreten sind. Ärzte und Apotheker müssen einen toleranten und konstruktiven Umgang mit Fehlern lernen und möglichst frühzeitig damit beginnen. Es darf keinerlei Vorwürfe oder Sanktionen geben, sondern Fehler dürfen und müssen von allen Teammitgliedern – unabhängig von ihrer hierarchischen Stellung – offen und sachlich angesprochen werden.

Lilly: Welche innovativen Ansätze gibt es, für den richtigen Umgang mit Fehlern?

A. M. Faßbender: Generell sind hier Offenheit, Neugier und Kreativität gefordert. Machen Sie ein Brainstorming im Praxisteam und suchen Sie gemeinsam nach neuen Ideen zum Umgang mit Fehlern. Ich empfehle, ein Spiel daraus zu machen, zum Beispiel „Finde den Fehler und Du bekommst eine Belohnung!“ Feiern Sie jeden Irrtum und applaudieren Sie, wenn ein Fehler passiert. Auf diese Weise wird ein Umdenkprozess angestoßen und Fehler sind nicht länger tabu, sondern Helfer für die Zukunft.
Wichtig ist auch, mögliche Fehler gedanklich durchzuspielen und Situationen zu trainieren, in denen Fehler auftreten können. Piloten und Astronauten machen das in Simulatoren und sind so optimal vorbereitet, unter Stress die richtigen Entscheidungen zu treffen. In risikobehafteten Situationen hat sich das sogenannte „Team Time Out“ bewährt: Die Crew nimmt sich eine kurze Auszeit, um das weitere Vorgehen zu besprechen und sich die bevorstehenden Abläufe – einschließlich potenzieller Komplikationen – zu vergegenwärtigen. Das lässt sich auch in Arztpraxen übertragen.

Lilly: Wie kommt man Fehlern am besten auf die Spur und findet dann auch noch Lösungsstrategien?

A. M. Faßbender: Entscheidend ist, menschliche Fehler zu erwarten und einzuplanen. Ein Ärzteteam könnte sich zusammensetzen und potenzielle Fehler auflisten, um gemeinsam ein „Drehbuch“ für das Vorgehen im Einzelfall zu entwickeln. Auch wenn der Aufwand dafür sehr hoch ist, wird es die Fehlerquote verringern. In der Luft- und Raumfahrt hat sich das sogenannte Cockpit- oder Crew Resource Management Program (CRM) bewährt, das mit entsprechenden Protokollen und Checklisten arbeitet.
Durch Einführung des NASA „Aviation Safety Reporting System“ (ASRS) in den 70er Jahren konnten in der US-amerikanischen Berufsluftfahrt zahlreiche Fehlerquellen identifiziert und Beinahe-Unfälle verhindert werden. Der große Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass Piloten, die Zwischenfälle melden, Straffreiheit zugesichert wird. Ähnlich funktioniert hierzulande CIRS, das Critical Incident Reporting-System (https://www.cirsmedical.de/) für die Medizin. Hier können Ärzte, Apotheker und andere Mitarbeiter des Gesundheitswesens kritische Ereignisse anonym melden und die Berichte anderer einsehen, um daraus zu lernen.
Wichtig ist, dass Ärzte sich regelmäßig austauschen, um aus den eigenen und den Fehlern anderer zu lernen. In manchen Kliniken werden schon solche Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, kurz M&Ms, abgehalten.

Lilly: Was ist Ihr „Geheimtipp“, damit auf Ihrem eigenen Flug ins All alles glattgeht? Können Sie das auch auf Ärzte übertragen?

A. M. Faßbender: Ich bereite mich so gut wie möglich vor. Die Technik habe ich leider nicht im Griff. Hier muss ich mich auf die Sicherheitssysteme und die Piloten und Techniker verlassen. Ich habe mir die Kapsel angeschaut und mit den Menschen, die daran arbeiten, gesprochen und ihnen meinen Dank ausgesprochen. Wenn die einen Fehler machen, werde ich die Folgen tragen.
Ärzte sollten ihrem Team ebenfalls danken. Denn ihr Erfolg hängt wesentlich von deren Arbeit und deren offenem und konstruktiven Umgang mit Fehlern ab.

Lilly: Herr Faßbender, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!