Die Suche nach Schuldigen ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Bei Missständen gilt es immer jemand (anderen) vorzuschieben. Das zeigt auch der Blick auf die Headlines in den Tageszeitungen oder Nachrichtensendungen: Egal was in der Politik, in der Wirtschaft oder im lokalen Umfeld passiert, eine Frage darf nie fehlen: „Wer ist schuld?“

Eigenverantwortung?
Hand aufs Herz: Wie viele Personen in Ihrem Umfeld kennen Sie, die selbstkritisch genug sind, im Anlassfall von sich aus einen Fehler einzugestehen oder ein falsches Handeln zuzugeben? Ich wage zu behaupten, es sind nicht viele. Das ist nicht weiter verwunderlich in einer Zeit, in der wir von Politikern und Managern umgeben sind, die den Begriff Fake News erfunden und die eigene Selbstinszenierung perfektioniert haben, Es stellt sich daher die Frage, ob wir nicht die falschen Vorbilder haben.

„Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.“ Das gilt für die gesellschaftliche Öffentlichkeit genauso, wie für Profit- oder Non-Profit-Organisationen. Wenn wir uns also an Personen orientieren, die sich Erfolge durch ein geschicktes Eigenmarketing auf Ihre Fahnen heften, aber nie für einen Misserfolg die Verantwortung übernehmen, brauchen wir uns nicht wundern, wenn wir deren Denken und Handeln übernehmen – bewusst oder unbewusst.

Unbequem
Diese Entwicklung geht auch an den Unternehmen nicht spurlos vorbei. Und zeigt sich dadurch, dass bei Zielabweichungen oder Konflikten die Suche nach Schuldigen oft im Vordergrund steht. Aus Angst vor Sanktionen haben daher viele Mitarbeiter vor allem eines gelernt: Probleme so lange wie möglich unter den Teppich zu kehren. Lösungsorientiert ist dieser Zugang nicht. Im Gegenteil – durch so ein Verhalten werden die bestehenden Probleme nur verschärft. Und schwerwiegende Folgeschäden riskiert.

Jeder hat es schon einmal erlebt: Wenn ein Projekt in Zeitverzug kommt, geht es bald nur mehr um eine Frage: „Wer ist schuld“? Die Antwort: „Das waren die Anderen.“ Aber auch dann, wenn wir alleine an einer Aufgabe gearbeitet haben, sind es immer Faktoren außerhalb unseres Einflussbereiches, die den Erfolg verhindert haben: „IT-Probleme“, „ein schwieriges Marktumfeld“ oder „unglückliche Umstände“. Unsere Analyse kommt jedenfalls prompt und ohne Zögern: „Wir waren machtlos“.

Es gibt aber vermutlich noch einen Grund, warum wir unseren eigenen Anteil an bestimmten Ergebnissen nicht gerne hinterfragen: Es könnte nämlich sein, dass wir zu der Erkenntnis kommen, einiges zu dem Misserfolg mit beigetragen zu haben. Und das könnte in der Folge dazu führen, dass wir zukünftig unser Handeln in ähnlichen Situationen ändern müssten, um nicht wieder die gleichen Fehler zu machen. Und nichts fällt uns Menschen schwerer als Veränderung.

Unverzichtbar
Die berühmte Frage nach einem Sündenbock („Wer ist schuld?“) bringt uns nicht weiter. Im Wiederholungsfall würde das lediglich bedeuten: „the same procedure as every year“. Wir würden genau den gleichen Fehler wieder machen – und dann einen anderen Sündenbock suchen. Das Spiel ließe sich beliebig lange fortsetzen. Blöderweise kommen wir dadurch im Ergebnis aber keinen Schritt weiter.

Das eigene Denken und Handeln auch bei Misserfolgen zu hinterfragen, birgt für uns in Wirklichkeit eine ungeheure Chance zur Weiterentwicklung. Nur wer Fehler macht und daraus die richtigen Schlüsse zieht, wird beim nächsten Mal zum gewünschten Ergebnis kommen. Sich selbst zu reflektieren ist oft schmerzhaft, aber unverzichtbar.

Natürlich können wir es uns leicht machen und bei einem Misserfolg darauf warten, dass sich die Anderen ändern. Es könnte aber sein, dass das nie passiert. Und das bedeutet Stillstand. Wenn wir Eigenverantwortung zeigen und unseren Beitrag in einer unbefriedigenden Situation reflektieren, dann können wir mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen gegensteuern. Und das bedeutet Fortschritt.